Thug-mag „Strafe“

Das ThUg-Mag (Theorie und Ungeduld) ist das bundesweite Theorie- und Debattenorgan der Sozialistischen Jugend und wird in Verantwortung wechselnder Redaktionsgruppen konzeptioniert, redigiert und herausgegeben. Als OV Göttingen wollen wir uns in einer Ausgabe mit dem Thema „Strafe“ auseinandersetzen. Dafür hier unser Call for Papers:

Call for Papers

Strafe ist für uns als linken Kinder- und Jugendverband aus mindestens zwei Gründen ein sehr relevantes Thema. Zum einen fungiert Strafe als pädagogisches Prinzip und durchzieht meist sowohl Schulalltag als auch Familienleben von Kindern und Jugendlichen, die sich bei uns organisieren. Zum anderen ist Strafe aus linker Perspektive immer kritisch zu betrachten, weil sie meist mit autoritären, hierarchisch strukturierten Gesellschaften einhergeht, die wir gern überwinden möchten. Nicht zuletzt ist Strafe trotz allem ein auch in linken Strukturen unterbelichtetes Thema, auf das in dieser ThUg-Ausgabe in den für uns relevanten Bezügen eingegangen werden soll. Die grundsätzliche Frage, ob Strafe überhaupt notwendig oder zielführend ist, schwingt dabei automatisch mit. Wir sind dabei offen für verschiedene Formate wie reine Theorietexte, Erfahrungsberichte mit Repressionen, kreativen Gedichten/Kurzgeschichten von drei bis sechs Seiten.

Institutionalisiertes Strafen

Institutionelle Strafsysteme begegnen uns in unserem Alltag immer wieder. Sei es ein Bußgeld für eine Ordnungswidrigkeit, die Androhung von Haft und Gefängnis im Kontext von politischem Aktivismus, die immer wiederkehrenden Versuche antifaschistische Proteste zu kriminalisieren oder die Ausweitung staatlicher Überwachung von technischen Geräten und dem öffentlichen Raum. Neben der gelebten und institutionalisierten Solidarität mit Betroffenen (Rote Hilfe, Gefangenengewerkschaften etc.) und den Initiativen zur Abschaffung und Änderung bestimmter Gesetze (z.B. §218 und §219, NoNPOG etc.) sprechen wir aber selten über die Grundlagen und mögliche Alternativen zum institutionellen Strafen und der mit damit einhergehenden ausführenden Gewalt in Form der Polizei. Welche Ziele werden mit Geld- oder Haftstrafen verfolgt? Was für ein Menschenbild liegt dem zu Grunde? Und was macht die dauerhafte Androhung von Strafe bei Regelverstoß eigentlich mit der menschlichen Psyche? Welche Erfahrungen machen Menschen in Gerichtsprozessen, Untersuchungshaft oder langfristigen Haftstrafen? Und wie verändert sich Strafe im Kontext wachsender Überwachungsmöglichkeiten durch private technische Geräte oder Kameras mit Gesichtserkennung im öffentlichen Raum? Weitere Themen in diesem Bereich könnten zum Beispiel
Strategien der Stadtplanung wie die sogenannte defensive oder hostile architecture sein und wie diese eine subtilere Form der Strafe und Disziplinierung darstellen und bestehende Strafsysteme stärken und ausweiten. Aber auch welche bestehenden Konzepte bereits jetzt zur Abwehr oder Milderung von Repression angewandt werden, kann hier vorgestellt und diskutiert werden.

Strafe und Pädagogik

Als sozialistischer Kinder- und Jugendverband setzen wir uns immer wieder mit verschiedenen Erziehungs- und Pädagogikkonzepten auseinander. Strafe war und ist in vielen Kontexten immer noch ein gängiges Erziehungsmittel. Sei es die Strafarbeit, die in der Schule droht; die stille Ecke, in der über das
eigene Fehlverhalten reflektiert werden soll oder der Freiheitsentzug, der es in Form von „Hausarrest“ auch in die bürgerliche Kleinfamilie geschafft hat und auch perfide Strafen wie Liebes- und Zuwendungsentwzug — bestraft werden, gehört für Kinder und Jugendliche zu ihrem Alltag. Wir wollen in dieser Ausgabe überlegen, warum wir Strafe (und Belohnung) nicht für eine sozialistische Praxis halten und wie Pädagogik jenseits von Strafe aussehen kann. Trotzdem gibt es auch in unserer pädagogischen Praxis immer wieder Momente, wo wir den Bereich der Strafe streifen, etwa bei der Straferwartung, die Kinder und Jugendliche aus ihrer Sozialisation mitbringen, bei der Unterscheidung von Strafe und Konsequenz aus dem Handeln von Kindern und Jugendlichen, bei Konflikten zwischen pädagogisch
richtigem Verhalten und rechtlichen Bedingungen, v.a. aber im Umgang mit Tätern bei sexualisierter Gewalt. Dabei wollen wir auch kritisch diskutieren, an welchen Stellen wir im Verband mit staatlichen Strafbehörden zusammenarbeiten. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie eine Erziehung zum Widerstand aussehen kann, die immer auch mit der Bedrohung durch die Staatsgewalt rechnen muss.


Alternativer Umgang mit Konflikten

Abseits von den uns bekannten und mittlerweile in weiten Teilen der Welt etablierten, Systemen der Bestrafung und Sanktionierung wollen wir hier auch die Möglichkeit geben, über alternative Konzepte von Strafe und Konfliktlösung zu diskutieren. So gibt es Gesellschaften abseits der westlichen Sphäre, die scheinbar ohne ein hierarchisches Gesellschafts- oder Bestrafungssystem auskommen. Ein Beispiel dafür sind Gesellschaften im Horn von Afrika, mit deren Gesellschafts- und Strafkonzepten sich unter anderem das Buch Das Recht als Hort der Anarchie von Hermann Amborn beschäftigt. Auch in unseren linken Kontexten kursieren Konzepte (und finden zum Teil ja auch schon Anwendung) wie die „Transformative Justice“, die versuchen einen progressiven Umgang mit Fehlverhalten zu finden. Im Sinne einer solidarischen Kritik soll hier aber auch der Platz sein um einen kritischen Blick auf Konzepte zu werfen, die zwar das Versprechen abgeben, dass sie eine Alternative zu bestehenden staatlichen und pädagogischen Konzepten darstellen, dies aber augenscheinlich nicht einhalten können (zum Beispiel die sogenannte Gewaltfreie Kommunikation). Wir denken es reicht nicht, nur den Status Quo zu kritisieren,
sondern auch abzubilden, welche Alternativen schon lange funktionieren oder funktionieren könnten.


Wir sind offen für verschiedene Formate wie reine Theorietexte, Erfahrungsberichte mit Repressionen, kreativen Gedichten/Kurzgeschichten von drei bis sechs Seiten.

Einsendeschluss für Artikel ist der 01.10.2020

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